Bräuche aus Halle (Saale)


Viele Rituale und Festbräuche unserer Vorfahren blieben lebendig, weil sie vom Christentum toleriert und von den X- Kirchen sogar in die religiösen Zeremonien eingebunden wurden. Einige Bräuche und Traditionen aus der Stadt Halle (Saale) und dem Saalkreis sollen hier, im Zusammenhang mit spezifischen halleschen Gerichten, kurz beschrieben werden.
Es war ein verbrieftes Recht der Halloren der Salzwirkerbrüderschaft im Thale zu Halle - dem Landesherrn, den Stadtoberen und dem Rektor der Universität zum Neuen Jahr oder zur Amtseinsetzung ihre Gratulation zu überbringen. Die Delegation, in farbenprächtige, reich mit Silberknöpfen gezierte Festtrachten gekleidete Halloren, überreichte das Geschenk: Soleier, kunstvoll auf einer Salzpyramide aufgebaut, bekränzt mit kleinen Schlackwürsten. Diese Privilegien der Brüderschaft verweisen auf wirtschaftliche Bedeutung und auf die achtungsvolle Anerkennung, welche den Halloren, als einem im Lande wohnenden, aber ursprünglich fremdem Volksstamm, zuteil wurde.
An der Stellung des Mondes orientieren sich die beweglichen Feiertage, zu denen auch die Fastnacht zählt. Jetzt begannen die Frühlingsfeste, bei denen phantastisch-bunt aufgeputzte Masken mit großem Getöse die Winterdämonen vertrieben. Zu Fastnacht begann die religiös bestimmte Fastenzeit, nun wurde kein Fleisch mehr gegessen. Man aß an diesem Tag, der einerseits fröhlich lärmend das Ende der Winterzeit feierte, zum andern aber die Tage der innerlichen Reinigung und Besinnung vor dem Osterfest einläutete, vor allem süßbuttrige, heiße Fastnachtswecken und knuspriges Schmalzgebackenes
Letzteres, die Kräppelchen" hatten eine eigentümliche erotische Form - zurückzuführen auf die im Frühjahr beginnenden Fruchtbarkeitskulte unserer Vorfahren. Der einfache, flach ausgerollte Mürbteig wurde in längliche Rechtecke geteilt, die in der Mitte länglich eingeschnitten wurden. Dadurch, daß man nun das obere Ende des Rechtecks nach unten durch den Schlitz führte, symbolisierte man einen Zeugungsakt. So geformt wurden die Kräppelchen in heißes Schmalz oder Öl gegeben, hellbraun ausgebacken und mit Puderzucker bestreut. Diese wirklich köstlichen Kräppelchen wurden noch bis 1972 von einem halleschen Bäcker hergestellt.

Karfreitag
An diesem hohen kirchlichen Trauertag wurde streng gefastet und wenn überhaupt etwas gegessen wurde, waren es Fische, Eier und weiße Breie aus Reis, Grieß oder Grütze. Verfeinert wurden die Milchspeisen durch die Zugabe von brauner Butter oder ausgelassenem Speck und durch das Bestreuen mit Zucker und Zimt.

Ostern
Die Sitte, Ostern nur helles, zartes Fleisch - Geflügel oder Lamm -zu essen, sowie leichtes, weißes Gebäck, Milchspeisen und natürlich buntgefärbte Eier, ist auf ein der germanischen Göttin Ostara
geweihtes Frühlingsritual zurückzuführen. Das Ei galt als Symbol der Fruchtbarkeit, der Hase als das der Göttin heilige Tier. Feuer und Wasser wurden als ihre göttlichen Elemente verehrt. Deshalb holten die Mädchen und Frauen zu Ostern schweigend noch vor Sonnenaufgang das heilkräftige Osterwasser vom Fluß, um die Familie, das Haus und das Vieh damit zu besprengen. Die Frauen wuschen sich mit dem Osterwasser, um ihre Schönheit zu erhöhen. Die Feuer um Mitternacht, als Symbole des wiedererwachten Lebens, brannten zur Ehre der germanischen Göttin und später zur Feier der Auferstehung Christi.

Himmelfahrt und erster Mai
Diese beiden Tage sind ursprünglich ebenfalls Frühlingsfeiern. Dabei war es Brauch, noch vor Sonnenaufgang auf die Wiesen und Felder zu gehen, um lautstark mit Klappern und Geschrei die Dämonen des Winters zu vertreiben, sich mit dem Tau der Wiesen zu waschen und eßbare Wurzeln und Kräuter zu sammeln. Diese wurden zu Suppen gekocht und auch das Vieh damit gefüttert, denn man sprach ihnen Heilkraft und eine Schutzfunktion gegen böse Geister zu. Himmelfahrt, der Tag des Herrn, entwickelte sich mit der Zeit zum Vatertag".

Pfingsten
Die Bräuche, welche das Fest begleiten, zeigen deutlich dessen Ursprung. Pfingsten war das bedeutendste der heidnischen Frühlingsfeste. Die Winterdämonen waren nun endgültig besiegt, der neuerstandene Frühling, die zunehmende Wärme der Sonne und die wiederkehrende Fruchtbarkeit der Natur wurden dankbar und fröhlich gefeiert. Mit Birkenzweigen, dem ersten Grün, wurden die Häuser geschmückt. Man tanzte auf dem Pfingstanger", der Pfingstwiese", oder dem Pfingsthügel", jede Stadt oder Gemeinde besaß einen so benannten Festplatz, und veranstaltete Spiele und Wettkämpfe, das Ringstechen zum Beispiel - ein Fruchtbarkeitsritual unserer Ahnen.
In der Pfingstwoche fand in den Dörfern des Saalkreises auch der erste Viehaustrieb auf die Weidewiesen statt. Dazu wurden die Tiere, allen voran der „Pfingstochse", festlich mit Blumenkränzen und farbigen Bändern geschmückt. Das Pfingstbier" der Salzwirker-Brüderschaft ist noch heute das bedeutenste Fest und wird aller zwei Jahre mit großem Aufwand und vielen sorgsam bewahrten Ritualen gefeiert.
Der Winter, personifiziert durch einen mit alten Stoffresten bekleideten Strohmann, wird mit Stangen in der Saale unter lautstarker Anteilnahme der Zuschauer ersäuft. Es werden verschiedene rituelle Wettkämpfe, zum Beispiel das Fischerstechen" gezeigt und die Halloren führen bei diesem Fest auch die traditionellen Zappeltänze und das Fahnenschwenken vor. Hier ein Liedtext vom Zappeltanz, bei dem die beiden sich gegenüber stehenden Tänzer versuchen, den andern umzustoßen:
Nante heb die Been un schpink rächt scheen,
Um Franzen um un umme, un lahst eich keenen Takt ausgehn.
Sunst fallter beede umme."

In den verschiedenen Beschreibungen des Pfingstbieres wird auch immer der Hallorenkuchen" erwähnt. Die Hallorenfrauen buken ihn nach altüberliefertem Rezept in einer großen runden Form, bestreuten ihn dick mit feinem Zucker und verzierten ihn mit einem Kranz aus vergoldeten Gewürznelken. Dieser Kuchen wurde dem Salzgrafen zusammen mit einem Humpen Bier als Geschenk der Brüderschaft durch den Brüderschafts-Vorsteher überreicht. Bis in das 20. Jahrhundert hinein stellten auch einige hallesche Bäckereien diese Spezialität her und dieses...unserer Stadt eigentümlich angehörende Gebäck", wie es der Chronist beschreibt, wurde auch außerhalb der Stadt beliebt und weit verschickt.
Heute hat sich dieser Tradition der Bäckermeiser Kolb in der Schillerstraße angenommen. Er bäckt orginalen Hallorenkuchen und bietet Ihn auch während des Salzfestes in tradioneller Bekleidung an.
Am 24. Juni, dem Tag der Sommer-Sonnenwende, wurden noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hinein Johanniskronen und Girlanden aus Birkenzweigen geflochten und quer über die Straßen aufgehängt.
Noch früher wurden die Johanniskronen aus neunerlei zauberkräftigen" Kräutern geflochten. Natürlich war auch Johanniskraut dabei, ein wirksames Heilkraut, das noch heute in der Medizin mit Erfolg angewendet wird. Die Kinder sperrten mit Blumengirlanden oder bunten Bändern die Gehwege ab, so daß sich die Passanten mit Süßigkeiten oder kleinen Geldgaben freikaufen mußten. Auf den Hügeln vor der Stadt, auf der Anhöhe der Burg Giebichenstein und auf dem Donnersberg im Ortsteil Kröllwitz - welche einst den höchsten germanischen Göttern, Wotan, dem Gebenden (Giebich) und Donar, dem Donnergott geweiht waren, brannten abends die Feuer. Die Scheekser" (hallisch für junge Männer) griffen sich ihre Ischen" (hallisch für junge Mädchen) und sprangen mit ihnen übers Feuer. So blieben die Fruchtbarkeitstänze unserer Vorfahren lebendig, bei denen die Frauen sich Beifuß-Kraut um die Hüften banden und mit ihrem Mann durchs Feuer sprangen, damit die Götter um Kindersegen bittend. Diese Kinder kamen übrigens aus dem Hertha-Teich, südlich in der Heide gelegen. Sie wurden von der Göttin Hertha (auch Holla oder Holle) an die Menschen ausgeteilt". Am Johannistag aß man Weißes" - Eier, Milch und Quark. Es gab den typischen Festkuchen, den Matzkuchen" (Quarkkuchen), der auf großen Blechen gebacken und frisch aus dem Ofen kommend gegessen wurde.

Michalesltag
Der 29. September fiel meistens mit dem Erntedank zusammen. Zur Feier des Heiligen Michael und des Erntesegens wurde der Michalelshammel" geschlachtet oder auch der Vorläufer", ein kleineres Schwein, welches noch vor dem großen Winterschlachten dran glauben mußte, denn überall waren die Speisekammern durch die Erntearbeit leer gegessen. Man tischte reichlich auf und aß sich so richtig satt: frische Wurst, gekochtes Fleisch, Wurstsuppe, frischen Sauerkohl und Schweinebraten mit sauren Gurken. Auf den Feldern brannten die Kartoffelfeuer und die in der Asche gebackenen Kartoffeln waren mit Salz, Quark und warmem Leinöl eine Delikatesse.
2004 hat man sich wieder auf das Erntedankfest besonnen und nun wird dieses immer am ersten Wochende im Oktober begangen.
Natürlich war und ist das traditionelle Gericht am Martinstag, dem 11. November, die gebratene, mit Äpfeln gefüllte Gans, mit Kraut und Kartoffelklößen serviert
Vom ersten Wintereinschlachten erhielten die Martinsmasken", das waren Hallorenkinder in bunter Verkleidung, die mit Laternen umherzogen, kleine Würste oder Speckstreifen. Manchmal wanderten auch die Hallorenfrauen mit und sangen Lieder zum Rummelpott (ein einfaches trommelähnliches Musikinstrument). Am Martinstag stellten die Kinder der Halloren Krüge mit Wasser in die Siedehütten. Ihre Väter gössen das Wasser aus, füllten statt dessen Most hinein, legten ein Martinshörnchen darauf und versteckten alles. Abends suchten die Kinder ihre Krüge und, um den Heiligen Martin zu bewegen, ein Wunder zu tun, nämlich das Wasser zu Wein" zu verwandeln, sagten sie den folgenden Spruch auf:
Marteine, Marteine, mach das Wasser zu Weine
Das Martinshörnchen besteht aus einem einfachen, süßen Mürbteig. Kleine Stücke davon werden zu handlangen, zweifingerdicken Rollen geformt, in sich gedreht wie ein U" auf das Backblech gelegt und zartbraun gebacken. Noch warm werden die Hörnchen mit flüssiger Butter bepinselt oder mit einer Zuckerglasur überzogen. In dieser Art gibt es seit einigen Jahren erfreulicherweise wieder Martinshörnchen in Eisleben und Wittenberg, zum Geburtstag des Reformators Martin Luther, aber ursprünglich war natürlich ein anderer Martin gemeint, der Heilige mit dem Mantel.

Weihnachten

Siehe auchWeihnachtsmarkt-Halle.
Die Hallorenfamilien fertigten für die Advents- und Weihnachtstage eine Weihnachtskrone an, welche kunstvoll aus Weidenzweigen geflochten wurde. Sie wurde in siedende Salzsole getaucht und getrocknet, und dieser Vorgang so lange wiederholt, bis sich eine dicke, weißglitzernde Kruste gebildet hatte. Mit Kerzen besteckt wurde die Krone an der Zimmerdecke aufgehängt. Hallorenfrauen gingen mit dem Rummelpott von Tür zu Tür und sammelten Gaben, dazu sangen sie in Melodie und Text sehr eigentümliche Lieder, die leider verloren sind.
Zu Weihnachten aßen die halleschen Familien schweren, süßen Christstollen, nach einem dem sächsischen Stollen sehr ähnlichen Rezept gebacken. Sie besorgten sich einen möglichst umfangreichen Weihnachtsbraten, der aus einer gefüllten
Gans oder einem marinierten Schweinebraten bestand. Und sie löffelten am Heiligen Abend nachmittags vor dem Kirchgang eine heiße Weihnachtssuppe aus rotem Wein. Abends gab es nach der Bescherung einen kräftig-sauren, warmen Kartoffelsalat mit gebratenen Speckwürfeln und gebratenen Heringen. In späteren Jahren hat sich bei den halleschen Familien auch ein Karpfengericht oder ein Heringssalat eingebürgert.
Der Weihnachtsbaum hielt in Halle erst in der Zeit der Romantik seinen Einzug in die Weihnachtszimmer. Aber süßes Marzipan, Konfekt, Braune Kuchen und Lebkuchen, Nüsse und Winteräpfel gab es als Weihnachtsgabe der Heiligen Drei Könige schon lange, ebenso die süße Gabe des Heiligen Nikolaus am 6. Dezember in die wohlgeputzten Kinderstiefel.
Der letzte Tag des Jahres wurde seit alter Zeit mit vielen bedeutungsschweren Ritualen begangen. Sie alle hatten ursprünglich den Sinn, die bösen Geister des alten Jahres zu vertreiben, um das neue Jahr frei und fröhlich begrüßen zu können. Und natürlich wollte man möglichst die Zukunft ergründen.
Da sollten junge Mädchen, um Mitternacht in einem dunklen Zimmer stehend, den rechten Schuh über den Kopf schwenken und den folgenden Vers sprechen:
Ißt einer zu mein Liebchen geboren
Ißt einer zu mein Liebchen erkoren,
der komm, als er geht, als er steht,
in sein täglich Kleid!
Nun sollte sie den Schuh hinter die linke Schulter werfen und sich dann schnell umdrehen. Manche Mädchen haben dann wirklich ihren zukünftigen Ehemann gesehen! Oder man goß heißes Blei in kaltes Wasser und deutete aus den Figuren die kommenden Ereignisse des Neuen Jahres. Auf die janusköpfige germanische
Göttin Perchta, welche in dieser Nacht ihr Unwesen treiben sollte, ging die jahrhundertealte Sitte zurück, Kräuterklöße mit saurem Fisch zu essen. Aus Ehrfurcht vor ihrem nächtlichen Treiben räumten die Frauen das Haus musterhaft auf und wuschen zwischen Weihnachten und Silvester keine Wäsche, auch das Spinnen und Weben war verboten. Im traditionellen Silvester-Heringssalat finden wir das vorgeschriebene Fischgericht für die Göttin Perchta heute wieder.

Hochzeiten
In den Dörfern des Saalkreises hatte sich lange das traditionelle Brautessen zum Versprechen" (Verlobung) oder auch zur Hochzeit erhalten, das Brautmus". Ein dicker, steifer Hirse- oder Hafermilchbrei wurde mit Pflaumen, Rosinen oder Äpfeln in großen Kesseln gekocht und an die zahlreichen Nachbarn und Gäste verteilt. Der Brei machte satt, schmeckte gut, und vor allem belastete er die Finanzen des jungen Paares und deren Familien nicht zu sehr. Bei den Hochzeiten der Halloren, welche meistens unter sich heirateten, wurde die junge Braut mit ihrer eigenen Brautkrone geschmückt und trug eine farbenprächtige Festtracht, je nach Vermögen des Vaters aus kostbaren Seidenstoffen oder einfachem Leinen.
Es war eine altehrwürdige Sitte, daß der Vater selbst die Krone anfertigte, sobald seine Tochter neun Jahre alt war. Denn zu diesem Zeitpunkt begann man, für ihre Aussteuer zu sparen und in die Truhe zu arbeiten", das heißt, die Wäscheausstattung zusammenzustellen, das Weißzeug zu nähen und zu besticken. Die Brautkrone wurde aus dünnem Silberdraht kunstvoll geflochten und mit vergoldeten Gewürznelken besteckt.
Wohlhabende Hallorenväter bereicherten die Krone mit weißen Flußperlen oder Korallen. Lange farbige Seidenbänder steckte man dekorativ in Schleifen auf dem Hinterkopf an. Die Hochzeitstafeln wurden üppig mit Braten, Gemüsen, Kuchen, Süßigkeiten und natürlich mit Wein und Bier besetzt. Ein hallesches Hochzeitsmenü von 1763 bestand aus folgenden Gerichten:
Königinsuppe
Hammelfleisch,, gedämpft mit rosinen und Muskat
Blaue Fische mit Butter
Junge Hühner, gebraten
Schaffleisch., gesotten mit Kräutern
Hammelkeule, gebraten mit sauren Gurken
Gans in süßer Soße
Käse und frische Kirschen
Konfitüren und Gelees
Erdbeeren mit Zucker
Ähnlich üppige Festmahle gab es ansonsten nur an fürstlichen Tafeln. Solch eine glanzvolle, das gesellschaftliche Leben wie auch die städtischen Gewerbe bereichernde Hofhaltung etablierte sich nur einmal in Halle: der prunkvolle Hof des Erzbischofs Albrecht, der 1513 die Nachfolge des für Halle so unheilvoll wirkenden Erzbischofs Ernst antrat. Kardinal Albrecht, ein sehr jugendlicher, weltlicher und sinnenfreudiger Kirchenfürst, der seine prächtige Hofhaltung durch enorme Schulden finanzierte, ein Liebhaber schöner Frauen, Förderer der Künste und aufrichtiger Freund des bedeuten den Renaissancemalers Matthias Grünewald, den er an seinen halleschen Hof holte, ein eifriger Sammler von Kostbarkeiten, liebte ohne Zweifel pompöse Gastmähler mit unzähligen Gängen in verschwenderischer Fülle.